Angelus (Anschel) Kafka

männlich 1791 - 16 Mai 1870  (79 Jahre)


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  • Name Angelus (Anschel) Kafka 
    Geboren 1791  Oldrichov u Písku (Ullershof), Dobev, Jihoceský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Geschlecht männlich 
    Occupation/Beruf von 1823 bis 1827  Osek u Milevska, Jihoceský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Religionslehrer 
    Residence von 1823 bis 1827  Haus Nr. 28, Osek u Milevska, Jihoceský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Occupation/Beruf von 1827 bis 1829  Vlachovo Brezi (Wällischbirken), Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Rabbiner 
    Residence von 1827 bis 1829  Vlachovo Brezi (Wällischbirken), Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Immigration 1830  Hohenems, Vorarlberg, Österreich Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Occupation/Beruf von 1830 bis 1833  Hohenems, Vorarlberg, Österreich Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Rabbiner 
    Emigration 1833  Breznice (Bresnitz), Stredoceský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Occupation/Beruf Rabbiner 
    Occupation/Beruf von 1833 bis 1835  Breznice (Bresnitz), Stredoceský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Kreisrabbiner 
    Occupation/Beruf von 1835 bis 1868 
    Bezirksrabbiner von Pilsen und Klattau 
    Residence von 1835 bis um 1842  Svihov u Klatov (Schwihau), Plzenský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Residence von um 1842 bis 1870  Plzen (Pilsen), Plzenský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Lebenslauf Angelus Anschel Kafka wurde 1791 in dem kleinen Dorf Oldrichov in der Nähe von Pisek geboren, als Kind von Markus und Anna Kafka. Sein Vater war Textilhändler und die Familie, obwohl ursprünglich aus Prag stammend, hatte sich spätestens um 1648 in Pisek niedergelassen, als einzige in der Stadt geduldete jüdische Familie. Angelus Kafkas Großvater hatte sich als jüngerer Sohn nicht in Pisek niederlassen dürfen und in Oldrichov eine Ansiedlungsmöglichkeit als Schutzjude gefunden.
    Angelus Kafka zog, vermutlich um 1805, nach Prag, studierte und erhielt einen Abschluss in Moralphilosophie. Und er kam in Kontakt mit Moses Israel Landau, dem Sohn von Samuel Landau, dem Kopf des Prager Rabbinerseminars, und mit dem Dichter und reformorientierten Lehrer Wolf Meyer, der an der Jüdischen Normalschule unterrichtete. So kam er früh mit der Haskalah, der jüdischen Aufklärung in Berührung.
    1814 heiratete Angelus Kafka Maria Lederer. 1815 wurde ihre erste Tochter, Rosalia, geboren. Elf weitere Kinder folgten.
    1823 erhielt Angelus Kafka seine erste Anstellung, als Religionslehrer in dem Dorf Osek, ebenfalls in der Nähe von Pisek. Agelus Kafka lebte dort in Haus Nr. 28, in unmittelbarer Nachbarschaft von Josef Kafka, dem Urgroßvater von Franz Kafka, der in Haus Nr. 30 lebte.
    1827 erhielt Kafka seine erste Rabbinerstelle, in Vlachovo Brezi (Wällischbirken), wo immerhin 26 jüdische Familien lebten, während seine Frau und seine Kinder vorerst in Osek bleiben mussten. Mit seiner Situation unzufrieden bewarb sich Kafka am 15. Oktober 1829 erfolgreich auf die freigewordene Rabbinerstelle in Hohenems.
    Die Hohenemser Gemeinde hatte freilich mit seinem Vorgänger Lissa (der kaum bereit war, in der Schule selbst den Religionsunterricht zu erteilen) manche Probleme gehabt und vereinbarte mit Kafka deshalb zunächst eine Probezeit. Auch das Landgericht in Dornbirn beäugte die Wahl des neuen Rabbiners argwöhnisch, allerdings aus ganz anderen Gründen. Die große Familie (Kafka hatte schon sieben Kinder und ein weiterer Sohn wurde geboren, seit dem er sich in Hohenems beworben hatte) war der auf Beschränkung der Einwanderung bedachten Obrigkeit durchaus ein Dorn im Auge. Dass Kafka sich bereit erklärte, einen Teil der Kinder bei Verwandtschaft unterzubringen, wurde ihm nun hingegen vom Kreisamt als "Lieblosigkeit" zum Vorwurf gemacht.
    Trotzdem konnte Kafka, den Hohenemsern auch von Samuel Landau in Prag wärmstens empfohlen, 1830 sein Amt in Hohenems antreten.
    Kafka wurde in kurzer Zeit recht populär in Hohenems. Er führte die deutsche Predigt ein und verehrte Salomon Sulzer, den Hohenemser Kantor, der gerade in Wien seine Karriere begonnen hatte und zusammen mit Noa Mannheimer in Wien eine moderate Gottesdienstreform durchsetzte.
    Kafka manövrierte mit einigem Geschick zwischen den verschiedenen Interessen in der Hohenemser Gemeinde, Konflikten, die sich insbesondere um die Ausstattung und Führung der Jüdischen Schule drehten. Und er suchte auch den Kontakt zu den österreichischen Behörden zu verbessern, die in Person von Kreishauptmann Ebner immer wieder in die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde einzugreifen versuchten. Eine Forderung Ebners, nämlich eine dem christlichen Katechismus nachempfundene jüdische Religionsfibel für die Schulkinder einzuführen, kam Kafka nach. Ebners Forderung folgte dabei wohl nicht nur dem Bedürfnis jüdischer Kinder und Eltern, sondern auch dem Interesse der Behörden, Klarheit in die ihnen wohl eher unverständliche Welt der jüdischen Tradition zu bringen und diese zu "modernisieren". Kafkas Buch "Derech Emuna: Mosaische Religions-Lehre in Fragen und Antworten" löste das bis dahin verwendete "Bne Zion" von Herz Homberg ab, dass von vielen als zu wenig kindgerecht empfunden wurde (und weiterhin für die Unterrichtung von Brautpaaren Verwendung fand). "Derech Emuna" hingegen wurde ein großer Erfolg in der gesamten deutschsprachigen Diaspora: mindestens acht Auflagen erschienen, die letzte noch 1883.
    Zu den Grundsätzen dieser neuen, unter reformorientierten Juden beliebten Religionslehrbücher gehörte auch die Liebe zum Vaterland. Diese predigte Angelus Kafka auch am
    12. Februar 1831, zur Feier des Geburtstags von Kaiser Franz 1.:
    „Bei allen grausamen Verfolgungen und Bedrückungen, welche die Geschichte uns grässlich schildert, und vor denen die Menschheit schaudernd den Blick abwendet, - niemals konnten selbst unsere Feinde es uns zum Vorwurf machen, eine Untreue, eine Empörung, ja nur ein Murren an den Tag gelegt zu haben. Stets eingedenk des Spruches Salomons: ‚Des Königs Herz ist in der Hand des Ewigen wie Wasserströme, Er leitet es, wohin es Ihm gefällt ...’, unterwarfen wir uns den härtesten Züchtigungen und beugten uns unter das strenge Joch böser Regenten, als unter das gerechte Strafgericht Gottes, und betrachteten den eisernen Szepter als Werkzeug der strafenden göttlichen Gerechtigkeit. Nie mengten wir uns in die Händel der Politik, stets beobachteten wir aber den Grundsatz: ‚Fürchte Gott und den König.’“
    Glücklich wurde Angelus Kafka in Hohenems nicht, er sehnte sich zurück nach seinem böhmischen "Vaterland", nach Austausch mit anderen Gelehrten und nach seinen zurückgelassenen Kindern. Seine Familie war auch in Hohenems wieder um Nachwuchs bereichert worden, Karl und Mathilde, und sein schmales Hohenemser Gehalt reichte für die große Familie nicht aus. In einem Brief vom 1832 klagte Kafka darüber, in Hohenems in ein Land der Finsternis verbannt zu sein, "wie eine einsame Kiefer auf einem Hügel ohne Verbindung zu Gelehrten, in einer Stadt voller Ignoranten".
    So bewarb Kafka sich schließlich 1833 erfolgreich um die Position des Kreisrabbiners in seiner Heimat, dem Prachnicer Kreis, mit Sitz in Breznice. In Hohenems folgte ihm Abraham Kohn auf die Rabbinerstelle nach, um die sich, erfolglos, auch Samuel Holdheim beworben hatte.
    Zwei Jahre später wurde Kafka Bezirksrabbiner von Pilsen und Klattau, mit Sitz in Svihov. Und richtete mehrere Petionen und Memoranden an den Kaiser, in denen er die Aufgaben des Bezirksrabbiner im Sinne der Reform neu zu definieren trachtete.
    Mit der Revolution von 1848/49 kamen dramatische Veränderungen - zwar längst nicht alle erhofften Freiheiten, aber doch die weitgehende Aufhebung der Familiantengesetze und Erleichterungen der Mobilität. Mit der beginnenden Landflucht und der rapide sinkenden Religiosität geriet die Position der Rabbiner und Bezirksrabbiner außerhalb Prags zunehmend unter Druck. Kafka sandte 1850 erneut ein Memorandum an den Kaiser, forderte Rückhalt für die Rabbiner im Kampf gegen den Atheismus und bat um die Einberufung einer Notablenversammlung, die tatsächlich Ende 1850 stattfand. Die Versammlung beschloss jedoch die Abschaffung der Bezirksrabbiner, was freilich nicht auf Gegenliebe bei den österreichischen Behörden stieß, die inzwischen damit beschäftigt waren, die vorrevolutionäre Ordnung wiederherzustellen.
    Angelus Kafka blieb Bezirksrabbiner, inzwischen mit dem von ihm gewünschten Sitz in Pilsen. Die jüdische Gemeinde der Stadt war inzwischen auf 1200 Seelen angewachsen. 1859 wurde die neue Synagoge eröffnet, ein Jahr später die neue Schule.
    1861 starb seine Frau Maria und 1868 setzte sich Kafka zur Ruhe. Fünf seiner sieben Schwiegersöhne waren als Rabbiner, Kantoren oder Lehrer tätig. Zwei seiner Söhne emigrierten in die USA, wo Simon Zigarrenfabrikant wurde und Karl als Hotelbesitzer Karriere machte. Kafkas bekanntester Nachkomme aber war der Prager Schriftsteller und Poet Hugo Salus (1866-1929).
    Angelus Kafka starb am 16. Mai 1870. Zu seiner Beerdigung am 18. Mai versammelten sich zahllose jüdische und christliche Notablen und andere Trauernde. Sein Grabstein auf dem jüdischen Friedhof von Pilsen wurde in den frühen 1980er Jahren zerstört, als der jüdische Friedhof in einen öffentlichen Park umgewandelt wurde.

    Quellen:
    - Peter Barber, Angelus Kafka (1791-1870), unveröffentlichtes Manuskript
    - Patrick M. Gleffe, Von Ullmann bis Popper. Ein Beitrag zur Hohenemser Rabbiner- und Rabbinatsgeschichte zwischen 1760 und 1872. Diplomarbeit, Universität Innsbruck 
    Gestorben 16 Mai 1870  Plzen (Pilsen), Plzenský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Begraben 18 Mai 1870  Plzen (Pilsen), Plzenský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Notizen 
    • Quellen
      A: {Tä593}
    • Quellen:
      Tänzer, 593f., 729;
      Descendants of Salomon Kafka, Peter Barber, London;
      Peter Barber, Angelus Kafka (1791-1870), unveröffentlichtes Manuskript;
      Patrick M. Gleffe, Von Ullmann bis Popper. Ein Beitrag zur Hohenemser Rabbiner- und Rabbinatsgeschichte zwischen 1760 und 1872. Diplomarbeit, Universität Innsbruck
    Personen-Kennung I0654 
    Zuletzt bearbeitet am 8 Aug 2013 

    Vater Markus Kafka,   geb. vor 1770,   gest. 11 Jan 1816, Strazovice (Straschowitz), Jihomoravsky Kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 46 Jahre) 
    Mutter Anna ?,   geb. vor 1773,   gest. 1833  (Alter 60 Jahre) 
    Verheiratet 1789 
    Familien-Kennung F33253  Familienblatt

    Familie Maria (Marie) Lederer,   geb. 1793, Busovice, Plzensky kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 06 Okt 1861, Plzen (Pilsen), Plzenský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 68 Jahre) 
    Verheiratet 22 Apr 1814 
    Kinder 
    +1. Rosalia Kafka,   geb. 1815,   gest. 04 Dez 1885  (Alter 70 Jahre)
    +2. Charlotte Kafka,   geb. 1818
     3. Moritz Kafka,   geb. 1819,   gest. nach 1843  (Alter > 25 Jahre)
    +4. Simon Kafka,   geb. 1821,   gest. 22 Nov 1895, Jersey City, New Jersey, United States (USA) Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 74 Jahre)
    +5. Elisabeth (Lea) Kafka,   geb. 1823, Osek, Ústecký kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 23 Apr 1896, Pohorelice (Pohrlitz), Jihomoravský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 73 Jahre)
    +6. Barbara Kafka,   geb. 1825, Osek, Ústecký kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort
    +7. Katharina Kafka,   geb. 1827, Osek, Ústecký kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 20 Dez 1902  (Alter 75 Jahre)
     8. Maximilian (Markus) Kafka,   geb. 1829, Vlachovo Brezi (Wällischbirken), Tschechien ? Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. nach 1843  (Alter > 15 Jahre)
     9. Karl [Carl] Kafka,   geb. 10 Jul 1831, Hohenems, Vorarlberg, Österreich Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. Jun 1907  (Alter 75 Jahre)
    +10. Mathilde Kafka,   geb. 22 Mrz 1833, Hohenems, Vorarlberg, Österreich Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort
     11. Samuel Kafka,   geb. 1835, Breznice (Bresnitz), Stredoceský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. nach 1843  (Alter > 9 Jahre)
    +12. Theresia Kafka,   geb. 1837, Svihov u Klatov (Schwihau), Plzenský kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 22 Mai 1907, Michalska 19, Litomerice (Leitmeritz), Ústecký kraj, Tschechien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 70 Jahre)
    Zuletzt bearbeitet am 16 Mai 2013 
    Familien-Kennung F216  Familienblatt

  • Ereignis-Karte
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